Charité, Vivantes, Alexianer, DRK u.v.m. – in Berlin gibt es über 100 psychiatrisch-psychosomatische Einrichtungen und Stationen, die Plätze für die Praktische Tätigkeit (PT) anbieten. Dass die Bezahlung angesichts des akademischen Abschlusses der PiA überall völlig unangemessen ist, ist mittlerweile bekannt. Aber die Hauptstadt ist attraktiv und lockt viele junge Kolleg*innen an. Entsprechend groß ist die Auswahl an potentiellen Bewerber*innen für die Kliniken. Das lässt den eigenen Verhandlungsspielraum dramatisch sinken und viele PiA leisten am Ende, oft nach monatelanger Suche, ihre PT unter Arbeits- und Ausbildungsbedingungen, die finanziell und psychohygienisch kaum tragbar sind. 

Mit dem Problem, überhaupt einen PT-Platz zu finden, hat sich das PiA-Forum 2017 intensiv auseinandergesetzt und erstmals belastbare Zahlen zusammengestellt. Den Artikel dazu findet ihr hier.

Trotz aller Schwierigkeiten wollen wir euch auf dieser Seite Auswahlkriterien für Kliniken und PT-Plätze zur Verfügung stellen. Worauf solltet ihr achten? Welche Regelungen sollten vor Beginn der PT getroffen sein? Wo liegen Chancen und Stolpersteine?

Klinikvergleich des PiA-Forum

Wie auf unserer Seite zum Institutsvergleich bieten wir hier die Möglichkeit, kurz und knapp die eigene Klinik zu bewerten: Bezahlung, Supervision, Räumlichkeiten. Das ändert natürlich leider nichts an den prekären Bedingungen, aber es kann eine grobe Richtung vorgeben. Den aktuellen Klinikvergleich findest Du hier. 

Bezahlung

Generell müssen laut der Psychotherapie-Reform (PsychThGAusbRef) Kliniken für die PT1 ab 01.09.2020 monatlich mindestens 1000€ brutto Vergütung für eine Vollzeitstelle zahlen. Laut der Bundespsychotherapeutenkammer und diversen Berufsverbänden wird Vollzeit aufgrund unserer Ausbildung (inkl. Seminaren) als 26h gewertet. Wissenswertes zur Refinanzierung des PT1 und eine Argumentationsgrundlage gibt es hier.

Vertretung und Nacharbeiten

Nicht selten müssen PiA im Krankheits- oder Urlaubsfall die fest angestellten Kolleg*innen vertreten – ohne selbst einen geregelten Urlaubsanspruch zu haben oder obwohl sie eigene Krankheitstage selbst nacharbeiten müssen. Einige Kliniken verlangen auch, dass Pflichtseminare, die ihr nachmittags an eurem Ausbildungsinstitut habt, nachgearbeitet werden.

Arbeitsvertrag

Einen richtigen Arbeitsvertrag (nicht „Praktikanten-“ oder „Hospitationsvertrag“) haben die wenigsten PiA. Eigentlich sollten hier sowohl Arbeitsaufgaben als auch Arbeitnehmerrechte wie Urlaubsanspruch und Kündigungsfristen geregelt sein. Was genau in einem Arbeitsvertrag für PiA stehen sollte, hat verdi zusammen gestellt: https://gesundheit-soziales.verdi.de/ueber-uns/gremien/ag-pia

Arbeitsaufgaben

Oft übernehmen PiA sehr ähnliche oder sogar dieselben Aufgaben wie die angestellten Kolleg*innen: Einzel- und Gruppengespräche, ärztliche Visiten, Teamsitzungen, Kostenanträge und Entlassungsbriefe schreiben. Darüber hinaus finden in fast allen Kliniken regelmäßig interne Fortbildungen statt, an denen PiA teilnehmen können und sollten. Neben einer regelmäßigen Supervision und Anleitung ist es natürlich wichtig, all diese Arbeitsaufgaben kennenzulernen und sich darin auszuprobieren.

Stationswechsel

Tagesklinik, Sucht oder geschlossener Bereich – die klinischen Tätigkeiten sind vielfältig und bei Interesse sollte es den PiA ermöglicht werden, verschiedene Stationen kennenzulernen, um ein umfangreiches Bild der psychiatrisch-psychotherapeutischen Tätigkeiten zu bekommen.

Sozialversicherung

Als PiA ist dieser Status oft unklar. Bereits im April 2016 gab es jedoch eine Besprechung zwischen der Deutschen Rentenversicherung, der Arbeitsagentur für Arbeit und dem GKV-Spitzenverband mit einem für uns PiA äußerst relevanten Ergebnis:

„Nach Ansicht der Besprechungsteilnehmer stellt sich die praktische Tätigkeit im Sinne des § 2 PsychTh-APrV bzw. § 2 KJPsychTh-APrV (…) als eine zur Versicherungspflicht in den einzelnen Zweigen der Sozialversicherung führende Beschäftigung im Rahmen betrieblicher Berufsbildung nach § 7 Abs. 1 in Verb. mit Abs. 2 SGB IV dar. (…) Von einer Beschäftigung im Rahmen betrieblicher Berufsbildung ist auch dann auszugehen, wenn die Ausbildungsteilnehmer kein Arbeitsentgelt erhalten. Versicherungsfreiheit wegen geringfügiger Beschäftigung kommt in diesen Fällen nicht in Betracht. Sofern das monatliche Arbeitsentgelt die Geringverdienergrenze von 325 EUR nicht übersteigt, trägt der Arbeitgeber den Gesamtsozialversicherungsbeitrag allein.“ Besprechung der Deutschen Rentenversicherung Bund, der Arbeitsagentur für Arbeit und dem GKV-Spitzenverband im April 2016

Sollte es Probleme in Eurer Klinik bzgl. des sozialrechtlichen Status geben, solltet Ihr diesen Entscheid unbedingt an Eure Personalabteilung herantreten! In vergangenen Fällen wurden tatsächlich PiA-Verträge daraufhin geändert.

Supervision und Anleitung

Supervision gehört im psychotherapeutischen Bereich zum Arbeitsschutz und zur Qualitätssicherung dazu. Leider bieten nicht alle Kliniken regelmäßig externe Supervision an. Bei Fragen und Unsicherheiten soll man „einfach Kolleg*innen fragen“. Dass die Kolleg*innen oftmals auch voll ausgelastet sind und wenig Zeit haben, ist gerade am Anfang der PT, wenn man frisch von der Uni kommt, ein großes Problem. Viele PiA fühlen sich mit den hohen Arbeitsanforderungen allein gelassen, zweifeln an ihren Fähigkeiten und arbeiten bis zur Erschöpfung. Das hat leider mit „lernen“ wenig zu tun, ist aber oft realer Alltag. Dann ist es umso wichtiger, dass du dich mit deinen PiA-Kolleg*innen zusammentust: Ihr könnt Intervisionsgruppen bilden oder gemeinsam auf die Chefärzt*innen zugehen und euch für eine geregelte Supervision einsetzen. Einige Institute wissen um dieses Problem und bieten regelmäßig eine Supervision der PT an.

Räumlichkeiten

Leider erfahren PiA nicht nur durch eine unangemessene Bezahlung wenig Wertschätzung, sondern oft auch durch ihre räumliche Ausstattung: Viele PiA müssen sich mit mehreren Kolleg*innen ein Büro teilen, sodass Einzelgespräche nur in engen Zeitfenstern und in „umfunktionierten“ Gruppen-oder sogar Abstellräumen stattfinden können. Oder es steht nur ein Computer für mehrere PiA zur Verfügung, sodass Arztbriefe nach Feierabend geschrieben werden müssen. Die engen Raumverhältnisse, der höhere Lärmpegel und die Belastung durch den vermehrten Organisationsaufwand sind oft zusätzliche Stressoren im Arbeitsalltag der PiA.

Therapeutische Ausrichtung

Das Therapieprogramm in einigen Kliniken ist streng nach VT oder TP ausgerichtet, das heißt die Gruppen finden überwiegend in Psychoedukation oder ausschließlich interaktionell statt. Das kann eine wertvolle Chance sein, Einblicke in ein anderes Verfahren zu gewinnen. Einige PiA erleben allerdings verfahrensfremde Methoden gerade am Anfang ihrer Ausbildung als stressig, wenn sie über ihr eigenes Vertiefungsgebiet noch wenig wissen oder unsicher sind.

Arbeitszeugnis

Eigentlich sollte ein Arbeitszeugnis nach Abschluss einer beruflichen Tätigkeit eine Selbstverständlichkeit sein. Dieses Zeugnis umfasst eine Beschreibung der ausgeführten Tätigkeiten und eine individuelle Bewertung der Arbeitsleistung. Leider tun sich einige Kliniken mit dem Arbeitszeugnis für PiA schwer und zögern die Aushändigung hinaus. Dies kann organisatorische Gründe haben oder an den erfolgreichen Klagen der letzten Jahre liegen (die Gerichte haben die Arbeitszeugnisse regelmäßig als Grundlage ihrer Rechtsprechung zugunsten der PiA herangezogen). Trotzdem ist ein Arbeitszeugnis extrem wichtig für deinen weiteren beruflichen Werdegang, deshalb solltest du frühzeitig auf das Arbeitszeugnis hinweisen und es notfalls wiederholt einfordern. Ob dein Arbeitszeugnis vollständig und korrekt formuliert ist, kannst du als Gewerkschaftsmitglied von verdi prüfen lassen.

Unterstützung durch verdi

Verdi bietet nicht nur eine besonders günstige Mitgliedschaft für PiA an, sondern auch eine 30seitige Broschüre zu dem Thema als pdf-Dokument zum kostenlosen Download.


Nützliches für die Praktische Tätigkeit: