Das Direktstudium: Psychotherapeutenausbildungsreformgesetz (PsychThGAusbRefG)

Ebenso sperrig wie der Name klingt, ebenso kompliziert ist der Reformprozess selbst. Schon bald nach in Krafttreten des aktuellen Psychotherapeutengesetz aus dem Jahre 1998 wurde klar, dass es einigen Verbesserungsbedarf gibt: Die unzureichende Bezahlung der PiA während ihrer Praktischen Tätigkeit ist mittlerweile allgemein bekannt. Aber auch die unklaren Zugangsregelung, nachdem im Rahmen der Bologna-Reform das Diplom wegfiel und stattdessen Bachelor- und Masterabschlüsse die Regel wurden, macht eine Erneuerung dringend notwendig. Seit Jahren engagieren sich PiA und approbierte Kolleg*innen in der Politik und Gesellschaft für eine Verbesserung der Ausbildungsbedingungen. Zwei Legislaturperioden lang stand die Reform im Koalitionsvertrag, wurde aber aus Zeitgründen nicht umgesetzt. Im Januar 2019 veröffentlichte dann das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) unter Jens Spahn einen ersten Referentenentwurf – der kontrovers diskutiert wurde. Die Verhandlungen um den endgültigen Wortlaut sind noch in vollem Gange.

Der Referentenentwurf vom Januar 2019

Das PsychThGAusbRefG vom 03.01.2019 sieht ein so genanntes Direktstudium Psychotherapie vor, das heißt die Abiturient*innen müssen sich vor Studienbeginn entscheiden, ob sie Psychotherapie oder Psychologie studieren möchten. Ein Quereinstieg ist nicht vorgesehen. Der Bachelor Psychotherapie ist ähnlich wie der BA Psychologie: Entwicklungs-, Persönlichkeits-, Sozial- und Biopsychologie sind ebenso vorgesehen wie Diagnostik und Statistik. Neu hinzugekommen war die Option, im Rahmen des Moduls Psychopharmakologie auch die Genehmigung zur Verschreibung bestimmter Medikamente zu erlangen. Dies wurde aber nach der verheerenden Kritik der Ärztekammer wieder herausgenommen. Im MA Psychotherapie stehen dann Krankheitslehre und Behandlung im Fokus: ambulante, klinische und psychosoziale Versorgung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Natürlich fehlen auch verschiedene Praktika und eine Selbstreflektion nicht. Am Ende des Masterstudiums steht ein Staatsexamen und das erfolgreiche Absolvieren der Prüfung berechtigt zur Behandlung (Behandlungserlaubnis=Approbation). 

Einige Kritikpunkte

So lange wie wir auf diese Reform gewartet haben, so schnell soll sie nun umgesetzt werden: Vier Wochen hatten die Verbände Zeit für eine Stellungnahme; am 1. April erschien in der Drucksache 98/1/19 die Stellungnahme des Bundesrates, am 09.05.2019 wurde über den Entwurf im Bundestag in 1. Lesung beraten und am 15.05.2019 tagt der Gesundheitsausschuss in der Sache. Bereits im September 2020 sollen die ersten Studiengänge starten. Eine Übergangsregelung von gerade mal 12 Jahren erschien den meisten Beteiligten als deutlich zu kurz. Das PiA-Forum Berlin fordert zum Beispiel eine Übergangsfrist von 20 Jahren, um den jetzigen Psychologiestudierenden ausreichend Freiraum zu schaffen, der durch längere Krankheitsphasen oder die Familienplanung schnell notwendig werden kann.

Die enge Legaldefinition wird insbesondere von der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) scharf kritisiert: „Psychotherapie“ ist nach dem Referentenentwurf nur das, was im Rahmen wissenschaftlich anerkannter Verfahren praktiziert wird. Dies schließt nach Ansicht der BPtK eine Weiterentwicklung psychotherapeutischer Heilkunde aus und wurde deshalb klar abgelehnt.

Im Anschluss an das Direktstudium ist eine psychotherapeutische Weiterbildung vorgesehen. Sie vermittelt (ähnlich wie heute) die Fachkunde, also das jeweilige Psychotherapieverfahren in Anpassung an die entsprechende Zielgruppe. Die Finanzierung, der größte Kritikpunkt am aktuellen Psychotherapeutengesetz und der ursprüngliche Anlass der massiven Proteste, bleibt leider weiter offen. Deshalb befürchten viele Kolleg*innen, dass die Kosten am Ende wieder an den Ausbildungskandidat*innen hängen bleiben könnten.

Außerdem fehlen in dem Referentenentwurf Regelungen für die aktuellen PiA. Wer sich in den letzten Jahren (oft schon während des Studiums) für eine Verbesserung eingesetzt hat, geht leer aus. Diese Ungerechtigkeit war auch Gegenstand einer Facebook Live Anfrage an Jens Spahn, der jedoch betonte, dass das politisch gewollt sei: Wer die Ausbildung unter den bekannten Bedingungen begonnen habe, solle sie auch unter diesen Bedingungen beenden (müssen).

Facebook Live-Anfrage an Gesundheitsminister Jens Spahn vom 09.04.2019 zur Übergangsregelung der Ausbildungsreform des PsychThG.

Auch das PiA-Forum hat eine offizielle Stellungnahme zum Referentenentwurf veröffentlicht.

Die Weiterbildung

Inhalt und Aufbau der postgradualen Weiterbildung sind noch offen. Die Ausgestaltung wird den Landespsychotherapeutenkammern obliegen. Es gibt aber schon ein Gesamtkonzept der Bundespsychotherapeutenkammer vom Mai 2017. Dieser Entwurf sieht eine fünfjährige Weiterbildung vor, davon mindestens zwei Jahre im klinischen und zwei Jahre im ambulanten Bereich. Begleitenden sind (wie bisher) Theorieveranstaltungen, Selbsterfahrung und Supervision geplant. 

Alle bisher zugelassenen Ausbildungsinstitute werden in Weiterbildungsinstitute umgewandelt. Die Psychotherapeuten in Weiterbildung (PiW) sollen einen klaren sozialrechtlichen Status bekommen (also angestellt werden) und während der gesamten Zeit eine Vergütung nach TVöD 13 erhalten. Das entspricht aktuell der Vergütungsgruppe für Psychologen in Kliniken und erscheint vielen schon jetzt als zu wenig. Trotzdem hat die BPtK ausgerechnet, dass den Weiterbildungsinstituten eine Finanzierungslücke entstehen wird und zwar in Höhe von 3.177€ pro PiW und Monat. Diese Deckungslücke soll „aus Mitteln des Gesundheitsfonds geschlossen“ werden (S. 38). Die PiW sollen ausdrücklich „mit der Finanzierung einzelner Weiterbildungselemente, anders als PiA heute, nicht belastet werden“ (S. 34). Den Gemeinsamen Entwurf des Vorstands der BPtK und der Bund-Länder-AG Transition vom 05.05.2017 findet ihr hier.

Gesteuerter Zugang: durch die Hintertür ins Gesetz „geschmuggelt“

217.000 Unterschriften – damit war die Petition unter Federführung des bvvp gegen den gesteuerten Zugang zur Psychotherapie die erfolgreichste aller Zeiten (https://bvvp.de/aktuell/). Jens Spahn gab dem massiven Druck der Öffentlichkeit nach und strich den kritisierten Passus aus dem Entwurf zum Terminservicestellengesetz (TSVG) – um ihn wenige Tage später in den Entwurf für das Direktstudium schreiben zu lassen. Hier soll §92, Absatz 6a ergänzt werden und zwar um die Vorgabe: „Der Gemeinsame Bundesausschuss beschließt bis spätestens zum 31. Juli 2020 […] Regelungen für eine berufsgruppenübergreifende, koordinierte und strukturierte Versorgung“ (siehe S. 27/28). Diese Einführung einer koordinierten Versorgung „durch die Hintertür“ lehnen Kammer, Verbände und Bundesrat (siehe S. 25) ausdrücklich ab.

Psychiatrie-Personalverordnung (Psych-PV)

Aber auch jenseits der großen politischen Bühne laufen Entwicklungen, die für PiA große Bedeutung haben werden. Bis Ende 2019 soll eine neue Psychiatrie-Personalverordnung (PsychPV) entwickelt werden. In ihr wird festgelegt, welche Personalschlüssel in Kliniken vorgehalten werden müssen. Nur die darin aufgeführten Berufsgruppen erhalten Geld aus dem Krankenhausbudget. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), der für die Vorgaben verantwortlich ist, verhandelt unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Als Grundlage für seine Berechnungen hat er ein Forschungsgutachten bei Professor Wittchen an der TU Dresden in Auftrag gegeben (https://gwt-ppp.de/). 120 psychiatrische Einrichtungen sollten befragt und untersucht werden, um den aktuellen Stand mit der gewünschten Versorgungsqualität zu vergleichen. Laut Homepage der Studie wurde der Abschlussbericht am 21.12.2018 übergeben. Seit März 2019 läuft ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Datenmanipulation gegen die Forschungsgruppe ().